Vortrags- und Dialogreihe

    "Was ist fair am Handel? Einblicke in Aspekte der Weltwirtschaft"

In fünf interaktiven Veranstaltungen möchten mit Ihnen über aktuelle Entwicklungen der Weltwirtschaft diskutieren und darüber, wie wir zu mehr Gerechtigkeit beitragen können.

                               

                           Nächste Veranstaltung am 9. Mai 2017
                                      19 Uhr im Rathausfestsaal Saarbrücken

...zum Thema:

                                         
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13. März 2017

Smartphones, Textilien, Autos – Wohin geht die Reise?
Einblick in globale Produktionsketten


Welche Rolle spielen das Saarland und Saarländer*innen in globalen Liefer- und Produktionsketten? Die Frage interessierte am 13. März im Rathausfestsaal rund 70 Bürgerinnen und Bürger bei der Veranstaltung "Smartphones, Textilien, Autos – Wohin geht die Reise? Einblick in globale Produktionsketten". Nach einem Vortrag von Friedel Hütz-Adams, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SÜDWIND e.V., diskutierten Vertreter*innen von lokalen Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen mit Minister Ulrich Commerçon, der auf Landesebene für Entwicklungspolitik zuständig ist. Der Abend zeigte: Zur breitflächigen Verbesserung von Bedingungen in globalen Produktionsketten bedarf es neuer Gesetze. Dennoch können Unternehmen und Verbraucher auch im Saarland jetzt schon ihren Beitrag für weltweit mehr Umweltschutz und Menschenrechte leisten.  

Über 50.000 km reist eine Jeans vom Baumwollanbau in Nord-Indien über mehrere Produktionsstandorte bis zur deutschen Ladentheke. Ihre Entstehung und die vieler anderer Produkte haben meist viele Nebenwirkungen: von Urwaldvernichtung über Wasserverseuchung durch hochgiftige Chemikalien, der Arbeitsausbeutung vieler Menschen, unsichere Arbeitsbedingungen bis hin zum Fabrikeinsturz, Kinder-  oder gar Sklavenarbeit – vielfältig sind die Probleme, die mit globalen Produktionsketten verbunden sind.

In den letzten Jahren haben sich immerhin zahlreiche Initiativen gebildet, die sich um mehr Umwelt- und Sozialstandards in Produktionsketten bemühen: Auf UN-Ebene fordern Leitlinien Unternehmen auf, jede Komplizenschaft beim Bruch von Menschenrechten zu vermeiden. In Deutschland sollen laut dem nationalen Aktionsplan „Wirtschaft und Menschenrechte“ 50 Prozent aller Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten bis 2020 menschenrechtliche Sorgfaltsprozesse einführen. Auch viele Siegel versuchen, umweltschonendere oder fairer produzierte Produkte zu stärken und Brancheninitiativen entstehen rund um einzelne Produkte. Doch weil all diese Initiativen keinen verpflichtenden Charakter haben, oft nur Nischen erfassen und es keine Sanktionsmechanismen gibt, führen Preisdruck, Machtstrukturen in Lieferketten oder kurzfristige Handelsbeziehungen immer noch dazu, dass weltweit bittere Konkurrenz um den geringsten Lohn herrscht.

Wie lässt sich diese Situation verbessern? Was kann jeder tun? Festgestellt wurde in der Diskussion im Rathausfestsaal, dass für alle Unternehmen die gleichen Regeln, Gesetze und Sanktionsmechanismen gelten müssen, insbesondere zum Schutz vor schlimmster sozialer Ausbeutung. Minister Ulrich Commerçon schlug vor, unter anderem die viel zu niedrigen Energie-, beziehungsweise Transportkosten – welche die fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft überhaupt erst ermöglicht haben – zu erhöhen, da diese keine realen Kosten abbilden. Vor allem betonte er die Bedeutung von Bildungs- und Aufklärungsarbeit, denn: „Nur mit aufgeklärten Demokraten kann eine Mehrheit entstehen, die solche Gesetze ermöglicht“.

Auch Prof. Dr. Horst Lang, Leiter für den Bereich Qualitätssicherung, Umwelt und Arbeitssicherheit bei Globus, betonte zwar, dass Unternehmen oft internationaler und schneller agieren können als die Politik, räumte aber auch Schwierigkeiten bei Audits und Preistransparenz ein. Er bekräftigte: „In manchen Bereichen schreit es nach Gesetzgebung, vor allem wenn es um Menschenrechte geht“.

Tamara Enhuber, Vertreterin des Saar-Bündnis Sklavenlos! und Fachpromotorin für Global Verantwortliches Wirtschaften hob ihrerseits hervor, dass auch die öffentliche Hand bei der Beschaffung eine große Rolle spiele und mittlerweile verpflichtet sei, soziale und ökologische Kriterien in der Lieferkette zu berücksichtigen. Solche Regelungen werden künftig im Saarland noch größere Durchsetzungschancen haben, da mitte März im Landtag die Entwicklungspolitischen Leitlinien des Saarlandes fraktionsübergreifend verabschiedet wurden.

Der Experte Friedel Hütz-Adams empfahl Unternehmen, ihre Wertschöpfungsketten zu verkürzen, existenzsichernde Preisvorgaben zu machen, Auflagen für Lieferanten zu erlassen und mehr Transparenz für die Verbraucher zu schaffen.

Aus eigener Erfahrung mit Ihren Kunden ergänzte Katja Hobler, Kaufmännische Leitung bei Markus Glöckner Natursteine, abschließend: „Nachhaltigkeit braucht auch den kritischen Verbraucher, den das auch interessiert, wie die Dinge produziert werden – und dazu kann jeder beitragen!“.

17. Januar 2017

Fleisch, Milch, Bananen – Was macht die Geschäfte krumm?
Einblick in den weltweiten Agrarhandel


Am 17. Januar 2017 berichtete Francisco Marí, Referent bei Brot für die Welt, vor rund 80 Besuchern über einige Absurditäten und Fehlentwicklungen im Agrar-Welthandel. So werden zwar nur unbedeutende drei Prozent des deutschen Agrarhandels in afrikanische Länder exportiert, dort treiben die Billigimporte von Fleisch, Milch und Weizen aus Europa aber reihenweise Landwirte und Viehzüchter in den Ruin. In Marís Vortrag ging es desweiteren etwa darum, wie Deutschland Schokoladenweltmeister sein kann – obwohl hier keine einzige Kakaobohne wächst. Oder wie die EU für den Anbau von Futtermittel für ihre Fleisch- und Milchproduktion 20 Millionen Hektar im Ausland belegt und damit alle Probleme rund um intensive Soja-Monokulturen in andere Länder auslagert. Oder wie widersprüchlich Europa versucht, mit teuren Entwicklungsgeldern in afrikanischen Ländern eine lokale Milchwirtschaft aufzubauen, die Europas Handelspolitik mit dem Import von billigem EU-Milchpulver gleich wieder torpediert.

Anschließend diskutierten Reinhold Jost, saarländischer Minister für Umwelt und Verbraucherschutz, Roland Röder, Geschäftsführer der Aktion 3. Welt Saar und Martina Brodback, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Milchviehalter Saar mit Francisco Marí und dem Publikum über lokale und globale Probleme im Agrarhandel. Deutlich wurde, dass Bauern weltweit unter dem Preisdruck von Großkonzernen leiden und als letztes Glied in der Lieferkette keine Macht haben, um Ihre Interessen durchzusetzen. Auch in Deutschland leiden Landwirte unter zu niedrigen Milchpreisen. Nach der Devise „Wachse oder Weiche“ mussten sehr viele Betriebe in den letzten Jahren schließen.

Damit sich die Situation für alle verbessert ist einerseits die Politik gefragt: Etwa für gerechtere Handelsverträge oder mit stärkeren Maßnahmen gegen Großkonzerne und Überproduktion. Andererseits können auch Verbraucher mit ihren Konsumentscheidungen durchaus Einfluss auf den Agrarhandel nehmen, erinnert Marí: „Man kann zum Beispiel die beliebte Hähnchenbrust öfters durch Schenkel ersetzten, die sogar viel günstiger sind! So würden weniger Fleischreste exportiert werden“. Auch müssen im Winter nicht unbedingt Erdbeeren aus dem andren Ende der Welt importiert oder stets nur das Allergünstige gekauft werden, stellten die Diskutanten fest. Die Schlagworte „bio, regional, saisonal und fair“ dienen als gute Orientierung. Darüber hinaus sei mehr Dialog zwischen Landwirten und Gesellschaft nötig, um gemeinsam für die Landwirtschaft zu kämpfen, die wir wollen.

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29. November 2016 - Auftaktveranstaltung

Globaler Handel – Läuft da was nicht rund?
Einblick in alte und neue Mechanismen des Welthandelssystems

Am Dienstag, den 29. November startete im Rathausfestsaal Saarbrücken mit über 70 Gästen unsere Vortrags- und Dialogreihe zum Thema "Was ist fair am Handel? Einblicke in Aspekte der Weltwirtschaft" mit Impulsvorträge von Dr. Jürgen Wiemann und Tobias Reichert, zwei renommierten Handels- und Entwicklungsexperten. Hier ein paar Eindrücke und ein kurzer Bericht...

Dr. Jürgen Wiemann, Vize-Präsident der European Association of Development Research and Training Institutes (EADI) und vormals stellv. Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) blickte in seinem Vortrag zurück auf den Ausgangspunkt und die Grundlagen des Welthandelssystems. Von den Lehren von Adam Smith zu freiem Wettbewerb und der unsichtbaren Markt-regulierenden Hand über die Theorie der komparativen Vorteile von David Ricardo oder den Ideen von John Maynard Keynes, intellektueller Architekt der Weltwirtschaftsordnung von Bretton Woods, bis hin zur Gründung der WTO, ihre aktuellen Schwierigkeiten und das vermehrte Aufkommen von bilateralen Freihandelsabkommen, die den wahren Freihandel wohl eher untergraben.

Insbesondere erläuterte Wiemann die Lage von Entwicklungsländern in der Weltwirtschaft: ihre unterschiedlichen Versuche, ihre Entwicklung durch Welthandel voranzutreiben, wie sie bei internationalen Verhandlungen teilweise „über den Tisch“ gezogen wurden oder wie Industrieländer die „Leiter wegschubsen“, die sie früher selbst zur Entwicklung ihrer Wirtschaft genutzt haben.

Dabei zeigte er auch unbekanntere Aspekte der Wirtschaftsgeschichte auf: dass zum Beispiel selbst Adam Smith, der in seinem berühmten Buch „Wohlstand der Nationen“ einen freien Wettbewerb als Grundlage für Gemeinwohl ansieht, auch „Die Theorie der ethischen Gefühle“ veröffentlichte, in der er auf die Bedeutung der Menschen als soziale Wesen mit Mitgefühl und Gewissen eingeht. Oder dass Keynes damals schon eine Internationale Handelsorganisation (ITO) andachte, die wohl zu einer gerechteren Weltwirtschaft geführt hätte, als es im Moment der Fall ist.

Mit Rückblick auf die Finanzkrise und Einblick in aktuelle und kommende Entwicklungen und Krisen in der Welt- und Europapolitik, warf Wiemann schließlich noch die Frage auf, ob wir uns nicht vielleicht auf ein Ende der Globalisierung bewegen? Als Weg aus den Krisen plädierte er dafür, Ökonomie mehr in die Gesellschaft einzubetten, sprich Wirtschaft viel mehr als ein soziales Ereignis zu verstehen. Etwas Hoffnung mache ihm die Tatsache, dass inzwischen auch einige Ökonomen an Universitäten die Reformbedürftigkeit der Wirtschaftslehre einsehen. Wenn endlich auch Ökonomen anders denken, so Wiemann, dann besteht die Chance, dass sich wirklich etwas ändert...

(Die Vortragsunterlagen von Dr. Wiemann können auf Nachfrage zur Verfügung gestellt werden. Bitte schreiben Sie dafür eine E-Mail an: welthandel(at)nes-web.de).

 

Tobias Reichert, Teamleiter für Welternährung, Landnutzung und Handel bei der Organisation Germanwatch e.V., ergänzte seinerseits die erste Präsentation mit einem Fokus auf gerechte und ungerechte Aspekte der Weltwirtschaft. Er hob hervor, dass das Welthandelssystem vor der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) für Entwicklungsländer zwar nicht gerecht, aber etwas fairer war als heute, weil es ihnen mehr Spielraum für eine eigene Entwicklungs- und Handelspolitik bot. Die Regeln des Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT ermöglichte ihnen damals einen verlässlichen Zugang auf Märkte der Industrieländer bei gleichzeitig flexibler Öffnung des eigenen Marktes. So konnten Länder wie Taiwan, Malaysia, Korea oder Singapur ihre eigene Industrie zunächst schützen und für den Export vorbereiten, bevor sie auf dem Weltmarkt Konkurrenz mit westlichen Firmen antreten mussten. Das ermöglichte ihnen sich mit internationalem Handel tatsächlich zu entwickeln. So könne man auch feststellen, dass eine weltweit faire Handelspolitik zwar keine Garantie für Erfolg auf dem Weltmarkt ist, diesen aber doch maßgeblich beeinflusst.

Ab der 8. Welthandelsrunde, der sogenannten „Uruguay-Runde“ in der 1994 auch die WTO gegründet wurde, sei diese Flexibilität allerdings stark eingeschränkt worden. So mussten auch Entwicklungsländer ihre Märkte öffnen und sich neuen Regeln zum Patentschutz und dem Handel mit Dienstleistungen unterwerfen. Neben den WTO Regeln an sich sei auch das ungerechte Vorgehen der Industrieländer in der WTO problematisch. In den laufenden Verhandlungen der sogenannten "Entwicklungsrunde" blockierten sie systematisch die Vorschläge der Entwicklungsländer, die an einigen Punkten wieder mehr Flexibilität fordern, um zum Beispiel Kleinbauern zu unterstützen oder den Technologie-Transfer zu fördern. Wegen dieser jahrelangen Blockade werden nun verstärkt bilaterale Abkommen wie TTIP, CETA oder auch EPAs (zwischen Europa und afrikanischen Ländern) vereinbart. Diese sind allerdings ebenfalls meist zum Nachteil der Entwicklungsländer und schränken den Spielraum der Politik für einen gerechteren Handel noch mehr ein.

Abschließend plädierte Reichert dafür, die Märkte der Industrieländer weitgehend offen zu halten und gleichzeitig die Flexibilität für Entwicklungsländer zu erhöhen. Ein weiterer Abbau oder die Angleichung von Regeln wie vor allem in TTIP und CETA geplant sei aber nicht sinnvoll. Vielmehr sollte weltweit der Politikspielraum zur Stärkung lokaler Wirtschaftskreisläufe, nachhaltiger öffentlicher Beschaffung und für bessere Umwelt- und Sozialstandards erhöht werden, auch durch andere WTO Regeln. Sie sollten sich an den neuen weltweiten Entwicklungszielen orientieren, die 2015 von der UN verabschiedet wurden.

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Nach dem Vortrag diskutierten lokale Akteure über ihre jeweilige Rolle im Welthandel und darüber, wie sie zu einer gerechteren Weltwirtschaft beitragen können. Mit dabei waren Frau Margriet Zieder-Ripplinger, Abgeordnete im Landtag des Saarlandes und Vorsitzende des Ausschusses für Europa und Fragen des Interregionalen Parlamentarierrates, Thomas Brück, Dezernent für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Umwelt der Stadt Saarbrücken sowie Thomas Schulz, Vertreter des „Saar-Bündnis für fairen Welthandel“. Das Publikum beteiligte sich ebenfalls intensiv an der Diskussion.

--> Hier geht es zur Veranstaltungsankündigung und dem Event auf Facebook...

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Die Vortrags- und Dialogreihe wird unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeisterin Charlotte Britz vom Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland e.V. in Kooperation mit der Außenstelle Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland der Engagement Global und der Landeshauptstadt Saarbrücken im Kontext der Auszeichnung der Stadt Saarbrücken als „Hauptstadt des fairen Handels“ organisiert.